
Aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert sind sozusagen keine Dokumente vorhanden, die über das Leben in Dörfern, Weilern und Höfen berichten könnten. Die bäuerliche Bevölkerung kam ohne Papier und Tinte aus, ohne Rechnungsbücher und schriftliche Verträge. Sie besiegelte mit mündlichen Versprechen Tauschgeschäfte und soziale Abmachungen. Dieser Mangel an schriftlicher Überlieferung hüllt das Leben der frühesten Bewohner in Dunkelheit. Die Geschichtsforschung muss sich mit den wenigen archäologischen Funden und mit den altüberlieferten Orts- und Flurnamen begnügen. Auch für die Geschichte von Maseltrangen sind die Orts- und Flurnamen fast die einzigen Informationsträger, denn die Gemeindearchive beherbergen sozusagen keine Dokumente, die hinter das 15. Jahrhundert zurückreichen. Die Namen jedoch sind grösstenteils älter, sie sind aus der Arbeit und dem Leben jener Leute entstanden, die zwischen 600 und 1500 das Land gerodet, besiedelt und bebaut haben.
Entsprechend ihrer Formen und Inhalte lassen sich die Orts- und Flurnamen in Gruppen unterteilen. Dabei werden unterschieden zwischen Namen aus der vordeutschen Zeit, Siedlungsnamen der einwandernden Alemannen (7. und 8. Jahrhundert), von späteren Flurnamen, die auf eine bestimmte Nutzung hinweisen, Rodungsnamen, Bezeichnungen von Weg und Steg, allgemeine Boden- und Geländebezeichnungen wie die Namen von Bergen Bächen, Rietern und Tobel, Gebietsbezeichnungen nach dem Vorkommen von Pflanzen und Tieren. Viele dieser Orts- und Flurnamen bestehen aus einer Haupt- und einer Zusatzbezeichnung und können deshalb verschiedenen Gruppen zugeteilt werden.
In der Umgebung von Maseltrangen existieren einzelne Orts- und Flurnamen, die uns fremd vorkommen, die nicht unserer deutschen Sprache entstammen: Schänis, Bilten, Alpiglen, Petruns. Sie existierten schon, bevor die Alemannen etwa im 7. Jahrhundert in die Linthebene vorstiessen und sie besiedelten.
Schänis
Der Name ist romanischen Ursprungs: scamnîno = Sandbänklein, lat. scamnun = Sandbank. Der Ort entstand auf der Geröll- und Sandablagerung der Linth. Er war schon vor Christi Geburt bewohnt. Die Einwohner übernahmen zur Römerzeit teilweise die lateinische Sprache.
Bilten
Bilten erscheint als Siedlung aus keltischer Zeit. Der Name dürfte aus Billidunum entstanden sein. Dieses Wort ist zusammengesetzt aus dem Personennamen Billius und dem Zusatzwort -dunum (befestigte Siedlung). Der Name bedeutet also befestigter Ort des Billius.
Gasterholz / Gaster
Die Römer und romanisierten Kelten nannten eine Befestigung castrum. Ein solches castrum stand auf dem nördlichen Vorsprung des kleinen Hügels, der zwischen Maseltrangen und dem Benkner Büchel liegt. Die Alemannen benützten diese Befestigung nicht mehr, sondern sie bauten am Fusse des Hügels Bauernhöfe. Dies Höfe erhielten nun auf Grund ihrer Nähe zur antiken Befestigung den Namen castrum. Dieser entwickelte sich in der allgemeinen Sprachveränderung zu Gaster. Den Wald auf dem Hügel nannten die alemannischen Bauern Gasterholz und die Wiese am Fusse des Hügels Gastermatt. Erst im 14. Jahrhundert übertrug der Volksmund diesen Namen auf die ganze Landschaft.
Die drei vordeutschen Ortsnamen in der Nähe des Dorfes Maseltrangen belegen, dass hier schon zur keltischen und römischen Zeit Leute gewohnt haben. Wie zahlreich diese Urbewohner waren, ist ungewiss. Es scheint jedoch, dass die sich auch schon einzelne Alpen nutzbar machten. Die Namen Alpiglen (alpicula = kleine Alp?) und Petruns (alpes petrosae = steinige Alp?) weisen darauf hin. Da aber die vordeutschen Siedlungs- und vor allem Flurnamen nur eine verschwindende Minderheit darstellen, darf vermutet werden, dass die romanisierten Kelten (oder Räter?) nur einen Bruchteil des Landes besiedelten und nutzten.
Im nördlichen Teil der Linthebene fallen die deutsch geprägten Ortsnamen auf. Einige von ihnen gehören auf Grund ihrer Form zu den ältesten alemannischen Siedlungsnamen unserer Gegend und dürften noch aus der Zeit der alemannischen Einwanderung stammten (um 600 n. Ch.). Zum Glück wurden sie schon früh in schriftlichen Dokumenten festgehalten, so dass wir ihre Form gut verfolgen können: Im Jahre 741 und 744 wurden im Klösterchen Benken zwei Verträge auf Pergament ausgestellt, worin diese ältesten alemannischen Ortsnamen in der damalgen Sprechform aufgeschrieben wurden, u.a.: Babinchova, Tattinchova, Smarinchova, Uzinaa.
Am Walensee kam der Vorstoss der Alemannen zum Stillstand. Benken dürfte über mehr als hundert Jahre ihrer südlichste Station gebildet haben. Dieser Name ist typisch für die Einwanderungszeit und kann darum als Beispiel dargelegt werden: 741 in monasterio quod dicitur Babinchova, um 1050 curiam Bebenchon mancipavi, 1178 ecclesiam de Bebinchon, 1283 homes in Bënchon. Die Quellenbelege zeigen, dass Benken aus Babinchova entstanden ist. Der Name ist aus drei Teilen zusammengesetzt: Babo-, -ing- und -hova. Babo dürfte der Name jenes Alemannen gewesen sein, der diesen Hof zur Zeit der Einwanderung gegründet hat. Die Silbe -ing- bezeichnet die Zugehörigkeit (die Babinger waren die Leute des Babo) und -hova ist das althochdeutsche Wort für Hof. Babinchova heisst also: Hof der Leute des Babo.
Die schweizerische Namenforschung betrachtet diese Art von Namen, die aus einem Personennamen und den Zusätzen -ing und -hova zusammengesetzt sind und die heute auf -ingen, -ikon oder -ken enden, als die ersten Siedlungsnamen der Alemannen. Sie entstanden zur Zeit der Einwanderung. Im Linthgebiet gehörden dazu nebst Benken die verwandten Namen Buttikon, Dattikon, Schmerikon. Die Form dieser Namen und ihre frühe Erscheinung in Urkunden bedeuten also, dass sich die Alemannen etwa um 600 in der Linthebene niedergelassen haben.
Die Erklärung von Orts- und Flurnamen bleibt in vielen Bereichen unsicher. Die Namen können nämlich im Laufe der Jahrhunderte vielfach verändert worden sein, weil die Nachkommen die frühere Wortbedeutung nicht mehr verstanden. So fällt es uns heute schwer, den Hofnamen Nätzlisbach zu erklären, zumal dieser Name keinen Bach, sondern ein Heimwesen bezeichnet. Das Wort Nätzli ist heute unverständlich. Ist es verwandt mit Netz/Netzli oder stammt es vom Eigennamen Naz (Abkürzung von Ignaz) oder vom Personennamen Nözi (ein Rudolf Nözi ist aus einer Schäner Urkunde von 1302 bekannt)? Solche Fragen können nur beantwortet werden, wenn die Form des Namens aus schriftlichen Quellen bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden kann.